HOW TO RECYCLE TRASH TV
In OPAK #02 schreibt Elisabeth Rank vom Fernsehen bei Twitter
„Als Zuschauer wirste gebuttert, ins Waffeleisen gepresst und danach gepuderzuckert und geerdbeert.“ (HappySchnitzel)
Wenn der einsame Mensch am Sonntagabend vor seinem Tatort sitzt, am Donnerstag vor seiner Modeldeutschlandinszenierung oder seiner Einrichtungssendung, alles in allem in jedem Fall vor dem Fernseher, greift er beherzt in die Schale mit den Flips, guckt kurz aus dem Fenster und reicht die Schale dann weiter an seinen Laptop. Dieser steht auf den eigenen Knien, surrt geschäftig und lässt ihn auch in dieser geruhsamen Stunde nicht im Stich, denn er hält den Draht zur Außenwelt, dort, wo das Wetter ist, das man vor dem Fenster sehen kann. Der Laptop hält die Verbindung und die Kommunikation aufrecht, dabei ist es eigentlich so quiet, i can hear that the refrigerator is on (There Are Ghosts, Karate). Und so klackern die mit Flipskrümeln verklebten Finger auf der Tastatur herum und schreiben auf, was sie sehen: deutsches, meist sehr massenkompatibles Privatfernsehen. Und schon ist der einsame Mensch auf seinem Sofa nicht mehr allein, denn vielen anderen Menschen geht es in Deutschland ganz genauso.
Was beim Microbloggingdienst Twitter zurzeit an beinahe jedem Abend zur Standard-Prime-Time stattfindet, hat Ähnlichkeit mit einem Recycling-Prozess der Extraklasse. Die meisten sind zu Hause, die meisten sehen fern und schon hat man wieder was gemeinsam. Der Fernseher blubbert vor sich hin, der Rechner brummelt parallel dazu und sobald etwas Lustiges, etwas den Geist Irritierendes, etwas Peinliches oder auch einfach nur irgendetwas auf der Fernsehmattscheibe erscheint, wird es gespiegelt und erscheint in kurzer Verzögerung auf hunderten Laptopbildschirmen noch einmal. Hier aber umgeformt, angepasst, in einen Witz oder eine andere Schublade gepresst und auf 140 Zeichen, also Twitterformat, gekürzt. Dort reiht sich das Gesehene als Kommentar in eine Reihe von fremden Kommentaren zur gleichen Sendung und tanzt in lustiger Gesellschaft durch das Internet. Wer die Sendung nicht sieht, hat kein Problem. Er schaut sie in unterhaltsamerer, persönlich gefärbter und meist humorgeschwängerter Version als Schriftbild bei Twitter.
Doch während der mal mehr oder weniger geistreiche Charme des Ausschusses der Hobby-Fernsehkommentatoren meist schneller verfliegt, als er in der Twitter-Timeline erschienen ist, bleiben nach Sendeschluss ein paar Erkenntnisse zurück. Wog man sich früher noch in intellektueller Zurückgelehntheit und dachte, nur man selbst schaue an Feierabenden zur Entspannung die einschlägigen Formate, während der Freundeskreis die Mitbringsel aus der Bibliothek inspiziere und sich in Weiterbildung übe, ist es jetzt offensichtlich und beweisbar: Alle gucken denselben Mist. Und niemand braucht sich mehr zu schämen. Die anderen machen’s ja auch, die schreiben es sogar ins Netz, wo es allen zugänglich ist. So schlimm kann es ja nicht sein. Kollektives Trash-TV-Outing findet hier in Form von eloquenter Darüberhinwegtäuschung ihren Höhepunkt. Denn natürlich jubeln die wenigsten über das bunte, flackernde Privatsendertamtam, sondern es wird sich brav aufgeregt, gelästert, abgewatscht und mit Verbesserungsvorschlägen und Absetzungsforderungen um sich geworfen. Die Inszenierung auf der Mattscheibe dient dem geübten Fernsehtwitterer zur Inszenierung seiner selbst, denn hier kann er zeigen, was er sprachlich draufhat. Hier darf er draufhauen, ohne Gefahr zu laufen, etwas zurückzubekommen, außer vielleicht ein paar Antworten derer, die seine Kommentare bei Twitter lesen (Twittersprech: „Replies von Followern in der Timeline“). Vom Sofa aus darf ausgeteilt und virtuelles Lob von anderer, verbündeter Seite eingesteckt werden.
Der eine oder andere Twitterbenutzer verweigert sich inzwischen den Abenden, an denen große TV-Events online abgefeiert werden, und gibt sich zu diesen Zeiten analogen Tätigkeiten bzw. dem Rest des Internets hin. Die anderen frönen selbst europaweit gemeinsam und synchron Fernsehabenden in Einsamkeit und doch in bester Gesellschaft, weil in ständigem Austausch via Netz. Und so wird Twitter, wenn zum Beispiel der Eurovision Song Contest stattfindet, zum europäischen Witze-Aggregat der Netzgesellschaft.
Nur bei Twitter scheint dieser ungehemmte, nicht von anderen Umständen unterbrochene Fluss von Kommentaren und Sprachwitz möglich. Bei realen Treffen würde so kaum über diese Sendungen gesprochen, bei Twitter wird die schriftliche Begleitung von Fernsehen nahezu zelebriert, ob allein oder in Gesellschaft. Niemand muss Bezug auf jemand anderen nehmen, aber kann. Niemand muss selbst Feedback geben, aber kann. Was am Ende übrig bleibt? Ein paar Antworten von anderen Twitterern auf das, was man da von sich gegeben hat. Vielleicht ein paar Fettflecken auf der Tastatur. Vielleicht das ein oder andere Schmunzeln.
Ein wieder irgendwie rumgebrachter Abend.
Den Text, wie er im Heft erschienen ist, gibt es hier als PDF.
2. Juli 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als FeedKATEGORIE: HEFT, OPAK #02






mp3 am 2. Juli 2009
irgendwie flach, nich? dabei hätte das thema echt viel hergegeben – von begründungs(ver)suchen, quoten-bewarheitungen bis hin zur ideengebung interaktiver formate. aber nee. wir sind ja nur checker. dafür hat das bild schöne farben.
Lisa am 3. Juli 2009
Hast du Quoten? Her damit :)
mp3 am 3. Juli 2009
Pscht, nicht so laut! http://twitter.com/Quoten
TV als Netzteil « Angelegenheiten am 7. Juli 2009
[...] also Twitter: Ein Artikel im opak-magazin.de/ beschreibt die Situation ziemlich treffend. Ich halte mich da ziemlich raus (wieder eine Ausnahme: [...]