GANZ GROSSES KINO #03
LARS WEISBROD, geboren 1985 in Bremen, studiert in Köln und ist Gründungsmitglied der Trivial-Pursuit-Jugend Westerwald. Nachts arbeitet er heimlich am Gründungsmanifest der Neuen Gesellschaft der Dilettanti. Außerdem würde er gerne zum Humor in der analytischen Philosophie forschen und trinkt oft Limonade.
In der kleinen Nachbarstadt besuche ich die Sneak im weltberühmten Stern-Kino, Montaigne lässt ihre Magisterarbeitsvorbereitungen netterweise ruhen, um mich zu begleiten. Es kommt ein Film über amerikanische Soldaten im Irak. Auf Deutsch lautet der Titel ungefähr “Der Spind der Schmerzen”, in echt wird er hier aber vermutlich ganz anders heißen, “Die Teufelskerle der Delta-Kompanie” oder “Helden unter Feuern”. Die Gazetten werden den Film dann vermutlich geißeln, weil er sich nicht genug Mühe gegeben hat, kein Action-Blockbuster zu sein, aber ein Kriegsfilm sich die Mühe machen sollte (und die Gazetten haben damit natürlich recht).
Es ist ja sowieso eine komisch Sache: Man sitzt im Kino und guckt sich zur Unterhaltung Krieg an. Zwischendurch geht man raus, um sich ein Bier zu holen. Wenn man das im Krieg auch so machen würde! Am seltsamsten sind die Pointen. Einmal verlässt der “Held unter Feuer” auf eigene Faust das Camp Victory der Amerikaner, um bei seiner Rückkehr fast von den eigenen Wachposten erschossen zu werden. Er sei Angehöriger der Streitkräfte, ruft er dann, und nur im Puff gewesen, worauf einer der Soldaten am Tor antwortet: “Wenn ich dich reinlasse, verrätst du mir dann genau, wie ich hinkomme?”
An sich wäre das nicht so schlimm, würde die Szene nicht genau mit diesen Worten aufhören. Witze darf man im Kriegsfilm ja machen, Comic Relief lieber nicht.
Der Film dauert und Montaigne beginnt sich zu langweiligen, spätestens bei der vermutlich langsamsten Schießerei der jüngeren Filmgeschichte: Hinter einem Felsen in der Wüste liegt ein kleiner Trupp amerikanischer Soldaten, weit entfernt haben sich in einer Ruine ein paar “Hajjis” verschanzt, wie die Amerikaner die Iraker abfällig nennen, egal ob Freund oder Feind. Der Held unter Feuer schaut durch ein hochkompliziertes Fernglas und sein Kamerad feuert mit einem hochkomplizierten Gewehr einen Schuss ab, der daneben geht. Dann passiert ganz lange nichts, bis die Hajjis in der Ruine einen Schuss abgeben, der daneben trifft, woraufhin wieder lange nur durchs Fernglas geguckt wird, bis die Amerikaner wieder einen Schuss abgeben. Ich bin gebannt vom taktischen Geplänkel, habe aber noch genug Empathie, um mich bei Montaigne zu erkundigen, ob sie noch kann. “Noch ein bisschen”, sagt sie.
Kriegsfilme und Mädchen sind ein heikles Thema. Als ich noch jünger war, hat meine Freundin mit mir manchmal “Apocalypse now” oder “Der Soldat James Ryan” geguckt. Ich hatte immer das Gefühl, sie habe mir dabei nur Gesellschaft geleistet, weil sie mich (und Tom Hanks) mochte, nicht so sehr, weil sie irgendein Interesse für dieses Genre gehabt hätte. Und ich hatte immer den Eindruck: Egal, wie sehr sich so ein Film von Heldentum und Militarismus distanzieren will, es kommen ja trotzdem immer coole Fahrzeuge, große Waffen, schicke Uniformen und explodierende Sachen vor, ein Hauch von Abenteuer weht auch noch über die absurdeste Szenerie und es wird geplant, taktiert, gerannt und gemacht. Kurz: Es gibt immer alles, was die meisten Jungs gut finden.
“Wenn ich sage, das Surfen hier an diesem Strand ist sicher, Captain, dann ist das Surfen hier sicher!” verkündete Lt. Colonel Kilgore.
Das war entlarvend und erschreckend, aber wer konnte von sich behaupten, dass er es nicht auch irgendwie cool fand?
In der Pornografie setzt man ja so manche Hoffnungen in den feministischen Porno, der soll alles besser machen. Vielleicht bräuchte man auch einen feministischen Kriegsfilm, da wäre so was dann nur noch erschreckend und nicht mehr cool. Oder man macht gleich Filme über Frieden (aber ich weiß nicht, ob man über Frieden so gut Filme machen kann).
Montaigne fragt, ob sich Jungs manchmal treffen, um Kriegsfilme zu gucken. Ich glaube nicht, sage ich.
(Montaigne weist mich beim Abspann darauf hin, dass bei “Spind der Schmerzen” eine Frau Regie geführt hat. Eine kurze Recherche ergibt, dass es sich um die Ex-Frau von James Cameron handelt, deren letztes Projekt die wohl einzig mögliche Steigerung der Jungshaftigkeit von Kriegsfilmen war: ein U-Boot-Film. Feministische Genre-Umstülpungen sind von ihr in Zukunft also wohl nicht zu erwarten.)
TEXT: Lars Weisbrod | RESSORT: Film, Ganz großes Kino17. Juli 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed






StitchJones am 26. Juli 2009
Kathryn Bigelow hat ihren geforderten Kommentar zum “Feminismus” bereits 1990 mit “Blue Steel” gedreht. Vielleicht sich in Zukunft nicht mehr mit “kurzer” Recherche zufrieden geben.