DIE ETABLIERUNG DER UNORDNUNG
In OPAK #02 schreibt Musikressortleiter Björn Bauermeister über das Album der Ausgabe: “Bitte Orca” von den Dirty Projectors.

Es soll eine Überraschung werden: Manolo setzt sich abends kurz entschlossen in Madrid in einen Flieger, um am nächsten Tag bei der Hochzeit seines alten Freundes am Meer von Steinhude aufzuschlagen. Und das, obschon Manolo die Trauerfeiern deutscher Vermählungen im Allgemeinen nicht gutheißen kann. „Warum macht ihr das so früh am Tag und dann auch noch so förmlich? Warum feiert ihr nicht richtig, sondern so verhalten und verstimmt?“ fragt Manolo die mit ihren Nasen im Nudelsalat herumstochernde Bekanntschaft seines frisch vermählten Kumpels. Manolo versteht die Welt ihrer Antworten nicht, krempelt seine Hosenbeine hoch und beginnt zu reden. Mit allen und jedem, stets ungeachtet dessen, dass sich die geschniegelte Hochzeitsgesellschaft unter dem Plastikpavillon und auf den Holzbierbänken eigentlich nur für Eines begeistern kann: Die Krise, also bitte!
Manolo hält seine Klappe aber nicht. Weil er diese Ordnung nicht verstehen will. Weil das Festhalten an Etabliertem für ihn ein Stillstand, ja der Kern jedweder Krise ist. Für einen Moment redet Manolo wie Dave Longstreth, dieser schlaksige Typ aus Brooklyn. Dave würde Manolo verstehen – und Manolo auch die Dirty Projectors, Daves musikalischer Entwurf einer Andersartigkeit. Beide Typen hadern auf ihre Weise mit festgegründeten Formen. Sie setzen auf eine Bewegung im Sinne einer offensiven Dekonstruktion, aus der bestehende Gebilde in ihrem eigenen Zerfall auf einen neuen Spielplatz stürzen. „Ich mag es, wenn man Sachen zu etwas Ungewöhnlichem zusammenbastelt. Ich mag es, die Relation zwischen den Dingen, die eigentlich keine Beziehung zueinander haben, neu zu bestimmen. Ich mag es, wenn man Widersinniges miteinander in Kontakt bringt und diesem dann ein neues Dach über dem Kopf gibt, unter dem sie für einen Moment in Harmonie verharren können“.
„Bitte Orca“ eben. Diese Worte – das eine harsch, das andere nett – erscheinen zusammen so sinn- und beziehungslos, ergeben in ihrer ungewohnten Liaison aber einen klanglichen Weitblick. Fasziniert schweigt Dave. „Sieh mal“, unterbricht er sich selbst in seiner Abwesenheit, „da zieht der Ozean an uns vorüber“. Ein Mann schlurft vor Daves verträumten Augen über die Straße, mit einem Gemälde auf der Schulter, das die Weite des Meeres mit Tusche nachahmt. Dann kommt ein streunender Hund vorbei. Auch von ihm ist Dave fasziniert. Weil dieser Hund so gesund und glücklich, so drahtig und hübsch aussieht. Der Hund schaut durch Dave hindurch. Dave kann sein Glück kaum fassen. Ähnlich verhält es sich auch mit seiner Musik, die immer dann zu einem Erlebnis für ihn wird, wenn er sie aus ihren gepflegten Strukturen heraushievt, in einen neuen Kontext setzt und nicht versteht, was ihn daran überhaupt so fasziniert. Dies ist nicht als Hang zur Kakophonie zu verstehen, sondern als Suche nach einer Kontinuität in der Spannung, die sich durch das Reiben von Gegensätzen freisetzt.
Die Stehstrandparty wird pünktlich aufgelöst. Manolo nimmt auf dem Rücksitz Platz und wir fahren gemeinsam mit dem Auto nach Berlin, von wo er weiter nach Madrid fliegen will. Irgendwann. Manolo erzählt von seinem Leben. Er schweigt nahezu niemals. Nach zwanzig Minuten seiner Lebensgeschichte setzt Manolo an und singt. Es ist ein Verlangen, ein Wesenszug dieses wahrhaftigen Typen. Er singt Traditionelles, Unbekanntes und Gassenhauer aus seinem heimatlichen Liedfundus. Joaquín Sabina, Alejandro Sanz, Melano, Antonio González Flores und auch den Héroes-del-Silencio-Dreck schmettert er raus und setzt all das in diesem Augenblick zu einer Geschichte zusammen. Im Rückspiegel sieht man ihn singend, mit Inbrunst, aus voller Kehle, stundenlang. Permanent hat er ein Lachen im Gesicht und die Augen geschlossen. Wenn er sie einen Spalt öffnet, schielen seine Pupillen silbern unter den Lidern hervor. So klingt und bewegt Musik, die kurz entschlossen überrascht und weiter vorfühlt – um einer inneren Unordnung willen, die beruhigt und anders antwortet.
TEXT: Björn Bauermeister | RESSORT: Heft, OPAK #0220. Juli 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





