WAS NÜTZT MIR DAS IN GEDANKEN #02

KEVIN HAMANN, geboren 1980 in Berlin-Pankow, lebt mittlerweile in Hamburg Bahrenfeld. Verdient seine Brötchen als Musiker und arbeitet nebenbei beim Radiosender ByteFM. Leider gibt er fast alles Geld für Platten aus. Bier mag er auch gern. Zurzeit fährt er lieber nicht mit dem Bus.
 

Ich muss zugeben, ich habe etwas gebraucht für die Schönheit der Musik von Justin Vernon alias Bon Iver. Anfangs war es nur dumpfes Geplänkel mit einem leidenden Gequieke dazu, das mich im schlimmsten Fall an die Schlüpfer der Bee Gees erinnerte. Doch die therapeutische Wirkung seines Erstlings kam nach und nach. Ich musste erst darauf eingestellt werden. Dann die Abhängigkeit. Hundert Prozent Eigenbeteiligung.

boniverNun denn, sein zweiter Deutschland-besuch rückte immer näher. Es waren wieder nur wenige Termine, ich glaube nur zwei. In Düsseldorf und in Hamburg. Das Konzert in der Hansestadt war zuerst für den alten Schlachthof angedacht, Kapazität vielleicht 600 Besucher. Dann hieß es, man müsse umziehen in den Bunker, in den so um die 950 Fans passen würden. Doch am Ende wurde die Große Freiheit auf dem Kiez der Gewinner und diese war dann mit ca.1250 Besuchern ausverkauft! Also, ein intimer Abend mit dem Herren und seinen Gefährten sollte es dann wohl doch nicht sein. Wäre ja auch zu schön gewesen, bzw. das kann ich ja auch zuhause am Rechner haben. Die Vorfreude war dennoch groß und in Begleitung meiner Freundin ging es dann also los Richtung Reeperbahn.

Irgendwie hatte man schon vor dem Eingang das Gefühl, dass jeder vor Ort ist. Der Kanadier ist der gemeinsame Nenner, auf den sich alle einigen und lieb haben können. Beim Einlass fiel dann die ungleiche Verteilung der Geschlechter ins Auge. Lange Frauenwarteschlangen vor den weiblichen Türstehern und die männlichen Abtaster winkten jeden verlorenen Freund oder ausgewählte Mitbringsel nach vorn, um in Bewegung zu bleiben. Das war bei meinem letzten Besuch an diesem Ort nicht der Fall. Damals erwarteten mich Bodycount. Auf der Suche nach einem geeigneten Platz in diesem heißen Körpermatsch, schaute und begutachtete man ab und zu die Band The Acorn, die den Abend eröffnen durften. In der Konserve gefallen sie mir persönlich besser.

Dann ewig lange Umbaupause, die Blase drückte, aber man wollte auch nichts verpassen. Also auf die Zähne gebissen. Die Meute wurde unruhig. Sie pfiff und forderte. Und ich dachte, „Ja genau, komm endlich raus, du Arsch!“. Irgendwann war es dann soweit und der Erlöser betrat die Bühne. Zottelfrisurenbart, Schlabberhose, Muckishirt und – was ich nicht sehen konnte – sicher barfuß bis zum Hals (vom Segeln). Wie authentisch kannst Du sein, wenn Du aussiehst wie gerade noch mal gewendet? Antwort: Sehr! Dazu zwei weitere Herren verteilt an dualen Schießbuden, der eine mit Viersaiter um den Hals, und ein Kind an der Gitarre. Das hier ist der Kiez. Und das wurde deutlich, als die erste Fontäne aus den Hälsen der Anwesenden die Bühne fast zum Einstürzen brachte. Der Kontrast zwischen dem Lauschen und dem Sich-Dafür-Bedanken ist so unfassbar krass, dass man sich schon manchmal fragte: Ist das noch schön? Sind wir hier bei den nächsten Kings of Leon? Was wird die Band beim nächsten Besuch machen, eine 5000-Sporthalle anmieten?

boniverposterTrotzdem, und das fand ich beachtlich, wurde die Stimmung der Lieder übertragen wie im direkten Dialog. Mit etwas Fantasie. Die Band passte hervorragend zusammen, der Techniker wusste Hall und Nichthall einzusetzen. Vernon zeigte sich immer wieder überrascht und spielte mit der Inbrunst des Publikums. Den krönenden Abschluss machten eine Zugabe am Bühnenrand mit mehrstimmigen Chorgesängen und zwei stromlosen Gitarren vor einem kleinem Mikro, das versuchte, etwas von dem Signal nach draußen zu übertragen. Stille im Becken! Beeindruckend. Alle forderten sich durch „Sch“ Laute auf, noch leiser zu sein: Am besten jetzt bloß nicht atmen. Wer hustet, fliegt raus! In diesem Moment klingelte – na klar – mein Handy. So selten bekomme ich Anrufe, aber wenn, dann richtig.
Jetzt Durchhalten, dann durchreichen. Der Applaus war noch lauter. „Die können ja voll singen und so…“ – „Ja, und ohne Strom, einfach in die Halle…“ Na ja, trotzdem toll.

Bei der letzten Zugabe herrschte für meinen Geschmack etwas zu viel Springsteen-Stadion-Stimmung. Wie in dem Beweisvideo zu sehen ist. Dieses habe ich nicht selbst gedreht, sondern schon am nächsten Morgen im Netz gefunden.

Irgendwie war das alles etwas unwirklich und man fragt sich: Was hat der Mann, dass er so viele Leute erreicht und sie berührt?
Ach, ich hör’ noch mal die Platte, mache die Augen zu, und stelle mir vor, wie ich durch den Wald hüpfe und Schnecken küsse. Lalalalala……

TEXT: Kevin Hamann | RESSORT: Mish Mash, Was nützt mir das in Gedanken
25. Mai 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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2 KOMMENTARE


  1. soso…du warst auch da :)
    jedenfalls: total treffender bericht!


  2. [...] hat Kevin Hamann wiedermal zur Tastatur gegriffen und berichtet über sein Erlebnis eines Bon [...]



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