GANZ GROSSES KINO #02

LARS WEISBROD, geboren 1985 in Bremen, studiert in Köln und ist Gründungsmitglied der Trivial-Pursuit-Jugend Westerwald. Nachts arbeitet er heimlich am Gründungsmanifest der Neuen Gesellschaft der Dilettanti. Außerdem würde er gerne zum Humor in der analytischen Philosophie forschen und trinkt oft Limonade.
 
Das mit der Überraschung ist heutzutage, hierzulande schwierig geworden. Man hat ja alles schon gesehen und weiß, was kommt. Wenn man sich überraschen lassen will, muss man sich schon einem konstruierten Überraschungsmoment hingeben. Man kauft sich ein Überraschungsei. Oder man geht in einen Überraschungsfilm der Woche. Ein monatlicher Bericht aus der Sneak Preview.

Keine Trailer. Ich bin alleine. Zidane konnte nicht, sie “musste reden”, das müssen jetzt wohl alle. Außer ihr ist sowieso keiner da. Es sieht düster aus. Auf die türkischen Jugendlichen vor dem Kino fielen dicke Regentropfen. Und jetzt auch noch keine Trailer! Vorhang auf, Film ab. Was kann es Schrecklicheres geben?

Seit ich mich erinnern kann, gehe ich ins Kino, um Popcorn zu essen und Trailer zu sehen. Warum auch sonst? Filme gibt es auch im Fernsehen
(umsonst) und in der Videothek (viel mehr). Popcorn und Trailer gab es hingegen lange Zeit nur im Kino. Irgendwann kamen dann Popcornmaschinen und das Internet, die hätten fast alles kaputt gemacht, aber das ist ein anderes Thema. Im Fernsehen sagen manchmal Menschen, die bald sterben werden und deswegen in Talkshows sitzen, dass sie im Kino Trailer sehen für Filme, die sie nie sehen werden. Ich bin dann sehr betroffen, weil diesen Leuten das Zweitschönste genommen wurde, was das Leben bietet, Vorfreude. Trailer sind nämlich kleine, festgeschnürte Vorfreude-Carepäckchen, die die freundliche Filmindustrie über ihren Kunden abwirft. Sie bedienen sich zwar immer der gleichen drei Stilmittel “wummerndes Geräusch”, “schwarze Zwischenblende” und “Don-Lafontaine-Stimme”, aber das macht gar nichts. Vorfreude ist unzerstörbar.

Ach, so ein Unsinn! Vorfreude, Menschen, die bald sterben werden, freundliche Filmindustrie. Was rede ich da bloß? Aber auf solche Gedanken kommt man wohl, wenn man zu viel alleine ist. Im Film sind auch viele alleine, auch wenn sie das nicht wissen. Sie leben in einer Rosamunde-Pilcher-Geschichte, die statt in Cornwall auf einer namenlosen griechischen Insel spielt und auch noch von Arte mitproduziert wurde. Einst sei hier die Hauptstadt gewesen, sagt einer der Inselbewohner, während er sehnsüchtig aufs Meer hinausblickt und ein Eis schleckt. Das Eis kommt aus einer Tiefkühltruhe, die sie leer räumen mussten, um Platz für einen Leichnam zu schaffen, für den es auf der namenlosen Insel keine andere Aufbewahrungsmöglichkeit gab.

Da hineingesteckt hat die Leiche der traurige Dorfpolizist Leonidas, der mit seinem ultraheterosexuellen Namensvetter aus 300 nicht annähernd so viel gemeinsam hat, wie es ihm lieb wäre. Darum versucht er jetzt auch den Mord an dem Mann in der Tiefkühltruhe aufzuklären, der, ich verrate das einfach mal, weil diesen Film vermutlich eh niemals jemand sehen wird, natürlich gar kein Mord war. Zu allem Überfluss offenbaren sich auch noch keinerlei Abgründe, Dramen oder Inzestfälle bei den Nachforschungen in der Dorfgemeinschaft, wie man das ja eigentlich aus dem “Tatort” gewöhnt ist. Wenn da ein Dorf auftaucht, weiß man direkt: Alles Mörder! Kinderschänder! Kriegsverbrecher! Hier aber sind alle Insulaner verschrumpelte nette Damen und Herren ohne allzu tote Leichen im Keller. Ach Leonidas, wie tust du mir leid! Jemand hat dich an einem Sonntagabend von der ARD ins ZDF gebeamt und da stehst du nun. Und dass einst dort, wo man gerade steht, die Hauptstadt war und nun nichts mehr ist, das muss ein merkwürdiges Gefühl sein. So etwa wie das Gegenteil von Vorfreude. Ach Leonidas, wie hältst du das aus?

Es ist schon spät, als der Film zu Ende ist. Der Regen hat aufgehört, alleine bin ich trotzdem noch. Keiner wartet heute irgendwo mit einem Bier auf mich, hier auf meiner namenlosen griechischen Insel. In der Straßenbahn fällt mir ein, dass es vielleicht doch Trailer gab und ich nur zu spät gekommen bin. So ein Mist. Dann lege ich mich quer über die Sitze und mache die Augen zu. Wanderer, kommst du nach Sparta, dann berichte, du hast mich hier liegen gesehen, so wie das Gesetz es befahl!

TEXT: Lars Weisbrod | RESSORT: Ganz großes Kino
11. Mai 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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