BARCELONA – EIN ABGESANG
In OPAK #01 beschreibt Sharon Welzel ihren Blick auf Barcelona, der wenig gemein hat mit den üblichen Lobhudeleien.
Mit beachtlichem Tempo hat man aus einem grauen Industriestandort eine mediterrane Metropole gemacht und der Preis dafür war hoch: Um 1992 die
Olympischen Spiele zu veranstalten, wurden erneut tausende Menschen umgesiedelt; der Strand, so wie er heute existiert, musste erst erfunden werden.
Als Hommage an diejenigen, die dort einst mit kleinen Paella-Ständen ihren Lebensunterhalt verdient haben und für die Idee von mediterranem Flair weichen mussten, existiert heute nur noch ein rostiges Türmchen von Rebecca Horn. Die Skulptur L’estel ferit (Der verletzte Stern) besteht aus Quadern, die dem Originalformat der Buden nachempfunden sind.
Heute ein unfehlbarer Treffpunkt am sonst so aufgeräumten Strand.
Vamos a la playa – und damit genug des Lamentierens! Es ist großartig in einer Stadt am Meer zu wohnen – künstlich hin oder her. Neben Rauschen, Surf und Weite ist der Strand schließlich ein öffentlicher Raum von beachtlicher Größe und gerade in einer Stadt wie dieser, in der viel zu viele in beengten Kammern ohne Licht hausen unentbehrlich.

Vor wenigen Jahren noch waren hier auch mal Partys mit Soundsystem möglich – heute muss man um 12 Uhr nachts den Reinigungskolonnen Platz machen. Alles zu seiner Zeit. Jener Zauber nächtlicher Ausflüge zum Meer – in love or not – vorbei. Und das ist leider nur ein Beispiel aus dem absurden Gesetzeskatalog des Ajuntamiento.
Trinken auf der Straße und Skate-boarding werden mit bis zu 1500 Euro geahndet. Die Plattform des einst so geschätzten Macba (Museum für zeitgenössische Kunst) darf nur noch an zwei Tagen in der Woche offiziell befahren werden. Außerhalb davon laufen Polizisten Streife und schreiten nicht selten mit unangemessener Härte ein.
Die Flut neuer Gesetze hat aber auch eine Menge neuer Ordnungshüter nötig gemacht, und so hat man die fehlende Polizei für den Außeneinsatz schlicht von der Straße rekrutiert. So kommt es durchaus vor, dass man sein Ticket auf einem Hello-Kitty-Block bekommt und anschließend wegen nicht vorhandener Tatbestände vor Gericht landet.
Beispielsweise, weil man sich nachts auf der Straße von einem Pakistani eine Samosa oder ein Bier gekauft hat. Da der Verkauf selbiger mit bis zu 500 Euro bestraft wird, hat man sich kurzerhand dazu entschieden, den Käufer mit der gleichen Buße zu belegen. Das gleiche gilt für Fußmassagen am Strand, eine der Haupteinnahmequellen der Filipinas oder den Kauf und Verkauf von Sonnenbrillen und Handtaschen am Straßenrand, hauptsächlich von Afrikanern betrieben. Trotzdem sieht man sie alle überall ihrem Handel frönen und bekommt am Wochenende alle 10 Meter ein Cerveza angeboten. Manchmal hört man einen Pfiff und dann sieht man sie mit ihren roten Dosen oder Säcken voller Plastiknippes in verschiedene Richtungen laufen. Für den Fall, dass irgendwo eine Streife auftaucht, haben sie ein Pfeif-Warnsystem entwickelt, das sie vor dem Schlimmsten bewahrt.
Es ist nicht auszudenken, was passiert, wenn man es sich mit einem Bier und einer Samosa nachts am Strand gemütlich macht, eine Fake-Gucci-Tasche im Gepäck und sich dabei die Füße massieren lässt. Dass der Stadt, die den Touristen stets ergeben ist, bisher noch nicht aufgegangen ist, dass all diese Tätigkeiten dem Taschen-diebstahl, für den Barcelona nach wie vor berüchtigt ist, vorzuziehen sind, ist bezeichnend. Wenn die Willkür waltet…
All diese Entwicklungen gehen an der Kulturszene dieser Stadt nicht vorüber. Das Leben hier ist nicht nur einfach restriktiv und zu teuer, sondern vielen auch zu fad geworden. Selbst Karl-Heinz Müller, Geschäftsführer der Bread and Butter, zieht mit seinem Modezirkus wieder zurück nach Berlin. Nach Tempelhof also, wo es neben der Kulisse scheinbar eine „unwiderstehliche Offerte“ gibt. Nicht das einzige Indiz dafür, dass das hier nicht mehr der „place to be“ ist.
Die Idee, zwischen Low- und High Culture zu unterscheiden, ist in Barcelona im Vergleich zu Berlin einfach zu präsent. Dementsprechend schwierig ist es, mit vielen Ideen aber wenig Geld Fuß zu fassen. Wie dieser Zusammenhang die Leute vertreibt, macht sich bemerkbar: Das Subversivste, was mir hier in letzter Zeit begegnet ist, war eine Party mit einer Live-Pornodarbietung in einem Streetwear-Shop. Das ist unterm Strich nicht viel.

Den vollständigen Artikel gibt es hier als PDF.
Alle Fotos sind von Sharon Welzel, bei der auch das Kopierrecht liegt.
28. Mai 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed






Julie am 3. Juni 2009
…na dann viel spass in Berlin im Oktober, November, Dezember, Januar…etc