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WAS NÜTZT MIR DAS IN GEDANKEN #01

KEVIN HAMANN, geboren 1980 in Berlin-Pankow, lebt mittlerweile in Hamburg Bahrenfeld. Verdient seine Brötchen als Musiker und arbeitet nebenbei beim Radiosender ByteFM. Leider gibt er fast alles Geld für Platten aus. Bier mag er auch gern. Zurzeit fährt er lieber nicht mit dem Bus.
 

Verständnis kann ich haben, es mitbringen, es aufbringen, es verneinen, es ignorieren, es kundtun, usw. usw. usw.

Die Definition von Verständnis in der freien Enzyklopädie ist zum einen das inhaltliche Begreifen eines Sachverhalts, kurz gesagt Verstehen. Vorraussetzung dafür ist vorerst ein Austausch ohne Sprachbarrieren. Und dabei geht es nicht nur um Sprachen im Sinne von fremd. Sondern beispielsweise auch um die Missverständnisse innerhalb eines Generationsbeckens. Die junge Generation der Nuller kann Inhalte der ehemaligen Arbeiterbienen nur mit viel Fantasie aufnehmen und kognitiv mäßig umsetzen. Umgekehrt verhält es sich ähnlich. Hierzu ein praktisches Beispiel aus dem Alltag.

Mein Bruder schenkte meinen Großeltern im letzten Jahr eine DVD-Box der Serie „Sopranos“. Ich war hier schon sehr verblüfft, dass Oma und Opa überhaupt ein Abspielgerät dafür besitzen. Nun denn, einige Wochen später wollte er sich über Zu- oder Abneigung gegenüber der Serie erkundigen. Antwort: „Gefallen ja / Verständnis nein“. Begründung: Die beiden hatten Schwierigkeiten die Inhalte und Zusammenhänge der Serie zu verstehen und zu verfolgen. Das lag nicht daran, dass sie zu dumm waren oder es ihnen an Konzentration mangelte. Nein, das Problem war, dass sie jedes Mal, wenn eine Folge vorbei war, die DVD wechselten. Sie konnten ja nicht ahnen, dass ein Silberling mehrere Folgen beherbergt, schließlich kannten sie vorher nur das Medium Videokassette, auf dem sich im besten Fall ein Film befand. Dafür hatte ich Verständnis, mein Bruder ebenfalls.

Zum anderen beschreibt die Enzyklopädie den Begriff Verständnis als die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und mitzufühlen, abgekürzt Empathie.
Hierzu ein Klassiker.

Wenn ich also in der schnellen und gefährlichen Großstadt, in der ich lebe, zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit an einer Ampel stehe, keine kommenden Autos sehe, dafür aber das rote Licht und auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Mutter oder Vater mit Kind wahrnehme. Muss ich dann aus Verständnis warten bis die Ampel grün wird? Oder muss mein Gegenüber Verständnis für meinen Zeitdruck und mittlerweile abgewöhntes Innehalten aufbringen? Würde mein Arbeitgeber Verständnis haben, wenn ich ihm davon erzähle, und dies als Entschuldigung für meine Verspätung akzeptieren? Hamburg hat viele Eltern mit Kindern. Da sollte man schon mal eine halbe Stunde länger für den Arbeitsweg einplanen. Die Kinder selber entwickeln erst noch ihr Verständnis für solche Dilemmata. Deshalb würde ich es vorziehen, gleich Zuhause zu bleiben, da ich den inneren Konflikt verabscheue. Das ist meine Meinung dazu.

Womit wir dann auch bei der letzten Definition wären: Verständnis im Sinne einer Auffassung oder eines Standpunktes, also einer Meinung.

Im Zeitalter von Einsen und Nullen ist die Verbreitung von Standpunkten einfacher denn je. Gerade zu totgeschlagen wird man mit Artikeln, Assays, tagebuchähnlichen Blogs etc. So wie dieser Text hier. Unnütz oder nicht? Aus dem Zusammenhang gerissene Kopfzeilen werden gelesen, Inhalte gerne überflogen. Morgens zum Kaffee schnell mal hier etwas Input, da etwas hinterlassen. Da liegt es bei jedem selber, sorgfältig zu selektieren, zu filtern und sich seinen eigenen Standpunkt zu basteln. Wie wenn man früher die Legokiste einfach auf den Boden geschüttet hat und nicht nach den Anleitungen des Herstellers baute. Geil war das!
Erschreckend langweilig erscheint es wie wenig Spielraum im realen Leben dann noch für Diskussionen besteht oder aber das Aufbringen von Mut zu einer Anmaßung gänzlich untergeht. Wenn alle auf ihren portablen MuFuTelefonen (habe ich tatsächlich abgeleitet vom MuFuTi) binnen weniger Sekunden das auch gerne gefährliche Halbwissen der Welt abrufen können. Warum dann noch sein Gehirn überlasten, wenn ein paar Klicks oder Tipperrein dir Überlegenheit schenken? Welch unvorstellbare Anstrengung es schon ist, den linken Fuß vor den rechten zu setzen.

Was nützt es mir Verständnis zu haben, für etwas das ich nicht verstehe. Verstanden? Ich auch nicht, macht aber nichts, denn dafür habe ich genügend Verständnis.

TEXT: Kevin Hamann | RESSORT: Mish Mash, Was nützt mir das in Gedanken
27. April 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



9 KOMMENTARE


  1. gut!


  2. Speziell der letzte Teil gefällt mir besonders, Halbwissen nervt…


  3. Das mag ich, das verstehe ich. Ich freue mich auf den nächsten Monat.


  4. oh ja da hast du recht es ist nicht immer einfach und vorallem nicht bequem seinen standpunkt selber zu basteln.
    aber genau das ist es zwischen den ganzen “bauanleitungen” für das leben findet man kaum raum für krativität und experimente um sich, seinen standpunkt und sein leben selber zu basteln.


  5. .. .. mag den schlusssatz irgendwie sehr.


  6. ich glaube der eine lustige mensch von 3000robota hat auch sowas ähnliches versucht, ist ihm leider nicht gelungen. checkt mal seinen blog. und der artikel für den spiegel, da komen mir immer noch die tränen.


  7. sehr symphatische schreibweise…


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