MEIN ALTERNATIVES LEBEN #01
Man weiß es ja nicht sicher, aber manchmal kann man es sich wünschen oder ausdenken. Auf jeden Fall sollte man immer eine Alternative haben. Hier erklären uns ausgesuchte Menschen, wer wie und was sie geworden wären, wenn sie nicht geworden wären, wer wie und was sie sind.
Dieses Mal Claude Draude aka Softwareherz.
Anders-Ich
An dem Tag, an dem ich meine DNA der Kunst spende, damit ein genetischer Avatar von mir produziert werden kann, denke ich darüber nach, wie es wäre wenn ich nicht die wäre, die ich bin, sondern Kanzler, Kaiser, König oder Königin. In Deutschland allerdings kann ich mich nicht nach oben träumen. I have to leave the country. Ich stelle mir vor, ich wäre Teil der britischen landed gentry. Es muss nämlich gar nicht mal der Hochadel sein, der Landadel tut es auch. Hauptsache es ist noch Land und Geld und Habitus vorhanden. Seit der französische Soziologe Pierre Bourdieu überall feine Unterschiede festgestellt hat, wissen wir, dass man der eigenen Herkunft nur bedingt entkommen kann. Und ich weiß: Manche Menschen sind in den falschen Körper geboren, ich bin in die falsche soziokulturelle Schicht geboren.
So sitze ich in meiner Kreuzberger Dachwohnung und träume mich hin zu zwei Dobermännern vor dem Kamin und kleinen Jagdhunden, die nie auf die Jagd müssen und Tweedjacken, die so dick sind wie mein Handgelenk. In Berlin fängt jetzt wieder die Außensaison an. Haut raus, Augen wegpacken. Alle sehen irgendwie gut aus, ich nenn das den San Francisco Effekt – die Uncoolen haben sie erschossen oder von der Brücke geschubst. Mental note: Ich will mehr Häßliches, ich will mehr Obskures außerhalb von Project-Talk. I don’t know why you guys are always in spring while I’m in fall. Ich will nur Teil von irgendwas sein, wenn die anderen Teile weit genug von mir weg sind.
Und wenn sie mich in Berlin fragen: Where were you while we were getting high?, will ich antworten können: Nun, ich war da, wo die Hunde schlafen und aufs Wort hören, das Feuer für immer und ewig brennt, und der Stoff wirklich alle Versprechen hält und nicht bloß ein Seelenteaser ist.
In meinem English Country House würde sehr viel geschwiegen. Ich wäre nicht die, die mit den Worten tanzen muss, sondern eine leichte Kopfbewegung würde genügen und ich hättte einen doppelten Scotch in der Hand. Ich bin ganz erschrocken wieviel konservatives Potential ich in mir entdecke. Ich stelle mir vor, ich wäre eine Mischung aus Karl Lagerfeld – ohne die Models allerdings, aber mit der gebügelten Bettwäsche und der neuen Unterwäsche und dem Sekretär und dem Koch – und Melrose Plant, dem Earl of Caverness aus den Martha Grimes Krimis. Plant hat ein durchaus gespaltenes Verhältnis zur Aristokratie, er hat seine Titel abgelegt, aber das Geld selbstverständlich nicht. Das, und sein Habitus und sein soziales Kapital (siehe Bourdieu), ermöglichen es ihm, seine TageNächte so zu verbringen, dass er entweder Scotch auf Reisen trinkt, oder Scotch in der Bibliothek, oder Scotch trinkend Inspektor Jury bei der Ermittlung seiner Fälle hilft. Selbstverständlich hat Plant einen wunderbaren Butler, der alles Unangenehme von ihm fernhält. How retro, wie einfach, you might think. Und selbstverständlich läßt sich das alles nur romantisieren, sieht man von dem ab, von dem man eigentlich nicht absehen kann: Was hat das Personal eigentlich für ein Leben of Master and Servant? Und fleißig geschwiegen wird auch vom British Empire und kolonialen Realitäten und all den anderen.
Ich hab allerdings schon um Alderaan soviel gekämpft. Jetzt will ich die Beine hochlegen und ein Mann sein. Mein Anders-Ich erzählt vor allem von der Sehnsucht nach ultimativer Zugehörigkeit, von der ich weiß, dass sie fragwürdig ist, aber aus dem ständigen Oszillieren heraus auch so attraktiv wie dicker Tweed und grauer englischer Stein: haltgebend und parallel zu wechselnden Moden immer existent.
Letzte Woche hab ich wieder mal nach Landhäusern geguckt. In Brandenburg. Eines der wenigen, die ich mir eventuell leisten könnte, war betitelt mit: Bin zu haben! (alles kaputt) direkt am Bach.
Wie mein Haus, so mein Leben. Jetzt-Ich. Es sah aber auch hübsch aus und hatte sowas Durchlässiges in all der Kaputtheit. Vielleicht ist es am Ende dann doch gar nicht so schlimm, wenn Melvin Udall fragt: What if this is as good as it gets?
Alle Fotos sind von Claude Draude, bei der auch das Kopierrecht liegt.
TEXT: Claude Draude | RESSORT: Mein alternatives Leben, Mish Mash29. April 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed






Konst am 11. Mai 2009
Herrlich! Endlich einmal jemand, der – die – das – sich traut zu denken und zu fueheln und einfach zu wuenschen!
Das kaputte Haus in Brandenburg klingt da geradezu wie ein Schloss und ich wuensche dem der die das dobermann besitzenden etwas alles Gute!
Cheers
Konst