GANZ GROSSES KINO #01

LARS WEISBROD, geboren 1985 in Bremen, studiert in Köln und ist Gründungsmitglied der Trivial-Pursuit-Jugend Westerwald. Nachts arbeitet er heimlich am Gründungsmanifest der Neuen Gesellschaft der Dilettanti. Außerdem würde er gerne zum Humor in der analytischen Philosophie forschen und trinkt oft Limonade.
 
Das mit der Überraschung ist heutzutage, hierzulande schwierig geworden. Man hat ja alles schon gesehen und weiß, was kommt. Wenn man sich überraschen lassen will, muss man sich schon einem konstruierten Überraschungsmoment hingeben. Man kauft sich ein Überraschungsei. Oder man geht in einen Überraschungsfilm der Woche. Ein monatlicher Bericht aus der Sneak Preview.

Zidane ist gerade vom Dreh am Meer zurückgekommen, wir treffen uns fünf vor zehn vorm Kino. Ich habe eine Nachricht von Montaigne bekommen, glaube ich jedenfalls, ich hatte ja ihre Nummer gelöscht. Ob noch jemand ins Stereo kommt, Bier trinken. Ich bin aufgeregt, aber Zidane hat schon Karten geholt. Ich kaufe mir Bier und Popcorn, Zidane kauft eklige Nachos, sie soll sich damit bitte woanders hinsetzen, sage ich ihr, macht sie aber nicht. Bevor die Vorschauen anfangen, schreibe ich Montaigne, dass ich Lust habe, mich zu betrinken. Und später vorbeikomme und schaue, ob an der Bar noch jemand sitzt, den ich kenne. Montaigne antwortet nicht. Ich freue mich trotzdem auf später.

Nach der halben Popcorntüte schmeckt das Bier nicht mehr und der Film fängt an. Irgendein Wischiwaschihorror im The-Ring-Empigonenstil und ohne Titeleinblendung, aber mit Gary Oldman. Er hat sicher eine Wette verloren oder Spielschulden, sodass er mitmachen musste. Eigentlich weiß ich gar nicht, ob Gary Oldman wettet oder spielt, ich weiß über ihn nur, dass er in „Leon – der Profi“ die ganze Zeit über so schön schwitzt. Zidane und ich studieren nämlich so was mit Film, wissen aber trotzdem nichts darüber. Im Wischiwaschihorror kommen alle bekannten Üblichkeiten vor, zerbrochene Spiegel, böse Kinder, eine junge gutgebaute Frau steht in enger Unterhose im Schlafzimmer. Das Sneak-Publikum zeigt sich bei Horrorfilmen immer von seiner schlimmsten Seite, so wie der Kinofußboden, wenn man Saallicht anmacht: Es wird an allem lautstark herumgemäkelt, Jungsgehabe und Klugscheißerei. Die Horrorfilm-Industrie funktioniert wie RTL: Man stellt Sachen her, deren Mehrwert darin besteht, dass man sich über sie lustig machen kann. Der Film ist aber auch wirklich schlecht! Ich erschrecke mich trotzdem zweimal und muss dauernd husten. Dummerweise habe ich auch noch den fatalen Fehler begangen, den Jungen neben mir zu fragen, wie der Film heißt, jetzt schaut er nach seinen Bemerkungen („Klar, dass da jetzt eine Schere liegt!!!!!!!!“) jedes Mal zustimmungserheischend zu mir rüber. Ich tue so, als würde ich ihn nicht sehen.

Als das böse Kind die schwarze beste Freundin der gutgebauten Frau in den engen Unterhosen bedroht, sagt Zidane, sie würde sich an ihrer Stelle abfreunden. Wir fangen an, über einen Social-Community-Horrorfilm zu spekulieren, so etwas wäre nach „The Cell“ ja schließlich eine konsequente Weiterentwicklung des Genres (und konsequente Weiterentwicklungen mag bekanntlich jeder). Der junge digitale Boheme Paul bekommt eine Freundschaftseinladung von einem mysteriösen Geisterprofil (gespielt von Don Alphonso). Recherchen im Berliner Untergrund ergeben, dass alle Online-Freunde des Geisterprofils auf schaurige Art ums Leben gekommen sind, sie haben sich aus Versehen mit ihrem iPod-Kopfhörer erdrosselt oder sind beim Kaffeeholen von einem Zehntonner überrollt worden. In einem geheimen Heise-Unterforum (als schwitziger Foren-Admin und wegen Handyschulden dabei: Gary Oldman) erfährt Paul dann, dass er den Fluch nur brechen kann, wenn er auf Wordpress 2.7.1 upgradet. Doch es scheint schon zu spät zu sein, als in Pauls Zimmer eine junge gutgebaute Frau in enger Unterhose vor dem Spiegel steht.

Die schwarze Freundin ist mittlerweile natürlich tot. Es bleibt aber leider nicht bei der einen politischen Unkorrektheit. Weil die Hauptfigur Jüdin ist, waren am Ende die Nazis schuld, was nicht nur zu einer für Wischiwaschihorror unangebrachten KZ-Szene führt, sondern auch zu dem bei der Synchronisation aus unerklärlichen Gründen durchgerutschten Dialogzeile „Du musst beenden, was in Auschwitz begonnen wurde“. Sneak-Publikum lacht, Zidane ist sauer, dass die Produzenten für so einen Film Geld bekommen und sie nicht.

In der letzten Szene wird schließlich ganz klassisch sichergestellt, dass niemand aus dem Kino geht mit dem beruhigenden Gefühl, dass alle gerettet wurden. Zidane hat auf dem Nachhauseweg dann auch ein bisschen Angst. Ich nicht, denn ich freue mich auf Stereo, Bier und Montaigne. Vielleicht kann ich Gary Oldman auch noch überreden, vorbeizuschauen. Denn der echte Horror kommt ja erst später. Noch ist die Nacht aber jung, gutgebaut und trägt eine enge Unterhose.

TEXT: Lars Weisbrod | RESSORT: Film, Ganz großes Kino
7. April 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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2 KOMMENTARE


  1. Sehr schön, sehr schön. Da ist viel wahres dran und am meisten schmunzeln und nicken musste ich bei “Sneak-Publikum lacht, Zidane ist sauer, dass die Produzenten für so einen Film Geld bekommen und sie nicht.”


  2. (un)born blöd



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